Dienstag, 29. November 2016

Adventstörn mit kalten Füßen





Mann, was habe ich kalte Füße! Und das seit mittlerweile 48 Stunden. Das letzte Mal, als ich mit meinen Turnschuhen gesegelt bin, hatte ich noch das Gefühl sie wären warm genug. Aber nun sind wir seit zwei Tagen mit Minustemperaturen unterwegs und da scheint wohl die Grenze ihres Komforts erreicht zu sein. Na gut, eigentlich hatte ich in der ersten Nacht unter der kurzen Decke schon kalte Füße, und die tauen dann einfach nicht mehr auf. Ich bin an Bord der Segelyacht NUBIA meines Freundes Mike und vorgestern Nacht, nach einem Auftritt in St. Peter Ording, zugestiegen. Mike war schon vor zwei Tagen von der Schlei aus aufgebrochen, um das Boot für den Winter nach Hamburg-Harburg zu überführen. Auf dem Abschnitt durch  Nord-Ostsee-Kanal und Elbe wollte ich ihn begleiten. Der Zeitpunkt Ende November, zusammen mit den sternenklaren Nächten, versprach allerdings eisige Nächte. 


Und so liessen mich die kalten Füße in der ersten Nacht auch zunächst nicht einschlafen. Dann drückten sie auf die Blase, was wiederum nach langem Zögern dazu führte, doch noch einmal nach draußen zu gehen. Bis ich danach endlich eingeschlafen war,  verging wieder eine ganze Zeit. Dann klingelte um 0600h auch schon der Wecker. Mehr als 2 Stunden Schlaf habe ich also nicht abbekommen und fühlte mich auch so. Eigentlich wollten wir uns ja an dere Giselauschleuse treffen, aber wegen Nebels kam Mike erst sehr spät in Holtenau in den Kanal. Und so brachen wir nun, nach einem kargen Frühstück im Dunklen, von der Schreiber Marina bei Rendsburg auf. Wenigstens der Kaffee wärmte uns etwas auf. So spät im Jahr ist die Fahrzeit auf dem Kanal begrenzt und wir wollten nun die verlorenen Zeit aufholen. Um kurz vor sieben zogen wir daher mit dem ersten Licht auch schon unser schnurgerades Kielwasser in den Kanal. Die Sonne ließ sich noch gut zwei Stunden länger Zeit, bis sie sich endlich über den Bäumen blicken ließ. Die Fahrt durch den Nord-Ostsee Kanal wurde zäh wie immer, und Stunde um Stunde zog das herbstkarge Ufer an uns vorbei. Es gab wenig, woran sich das Auge festhalten konnte um von der Kälte abzulenken, die nun immer mehr in den Körper kroch. Weniger durch Jacke und Hose, doch umso mehr in die Hände und Füße. 


Der Autopilot summte sein monotones Lied, und selbst der kartuschenbefeuerte Gaskocher wollte nicht so recht bei dieser Kälte. So hielten wir bei Wasser und Brot durch, bis wir kurz vor Sonnenuntergang die Schleusen in Brunsbüttel erreichten. Der Sportboothafen ist im November gesperrt und wir legten uns daher mühsam an zwei, aus vier Stämmen roh gezimmerten, sehr dicke Dalben. Angeblich der Ausweichliegeplatz für Sportboote im Winter, aber kein schöner Fleck. Der Blick in den Gezeitenkalender informierte uns darüber das ab 1915h die Flut einsetzen wird, und so beschlossen wir hier nur zu warten, um dann im Dunkeln noch nach Glückstadt zu segeln. Unser Traum von einem warmen Restaurant hatte sichaber  nach zwei Telefonaten zerschlagen. Samstag ab 2100h wäre in Glückstadt angeblich alles dicht, na toll... 


Im kalten Cockpit belebten wir die Kocher und Mike zauberte ein Essen, das uns etwas wiederbelebte. Danach stellten wie den Wecker und hauten uns noch eine Stunde hin. Müde wie ich war, schlief ich sofort ein. Nur war mir nach dem Erwachen leider noch kälter als vorher. Und es lagen ja noch einige Stunden vor uns. Es ging sehr zügig durch die Schleuse auf die Elbe. Voher hatten wir überlegt ob der Flutstrom wohl direkt mit der Flut einsetzt, oder zunächst noch durch den Eigenstrom der Elbe überlagert wird. Ich war für Variante eins, aber Mike sollte recht behalten. Noch über eine Stunde nach Kippen der Tide tuckerten wir mit 2,5kn mühsam gegen den Strom. Das sollte im Törnführer Nordsee mal ergänzt werden! Und auch der erhoffte und angekündigte Wind blieb aus. Dazu kam eine sehr belebte Elbe. Schiffe auf beiden Seiten, aber auch neben dem  Fahrwasser. Diese irritierten uns doch sehr, denn sie hatten Positionslichter gesetzt und galten ja  somit als in Fahrt. In der Dunkelheit war aber weder erkennbar, wie schnell und in welche Richtung. Und so wichen wir immer wieder aus, wenn wir rot und grün gleichzeitig sahen. Aber oft drehten die Schiffe dann mit. Erst später war dann zu erkennen, das die Pötte wartend quasi auf dem Fleck standen und vor sich hin schwojten. Und kamen wir dann neben eines der Dickschiffe, nahmen sie Fahrt auf,  und wir konnten unseren Kurs wieder korrigieren. Dazu kamen große Containerschiffe von achtern und die Festtagsbeleuchtung am Ufer von Häfen und Gebäuden. Wir mussten wirklich sehr aufpassen und wurden dann auch von einem spärlich beleuchteten Binnenschiff, von dem ich nur das vordere Topplicht geshen hatte, überrascht. Wenn in der Dunkelheit plötzlich ein riesiger, schwarzer Schatten an einem vorbeihuscht, den man vorher nicht wahrgenommen hatte, steigt der Adrenalinpegel. Und so rissen wir uns die letzten zwei Stunden bis Glückstadt zusammen und starrten gemeinsam in die Dunkelheit der Elbe. Und ab und zu in den gigantisch anmutenden Sternenhimmel. Den hatte ich lange nicht mehr so deutlich gesehen. Es musste wohl an der Kälte liegen, die sich nun wirklich überall durchbiss. Ich träumte schon von einem heißen Tee im warmen Salon des Bootes. Gut, es gab keine Heizung an Bord, aber Petroleumlampe und Gaskocher würden schon etwas Wärme hergeben.


Doch Glückstadt machte es uns nicht leicht. Unbefeuerte Bojen und eine etwas undurchsichtige Hafeneinfahrt waren erst der Vorgeschmack. Im Hafen dann waren sämtlich Stege abgebaut und lediglich deren Verankerungspfähle standen wie unbelaubte, tote Bäume kreuz und quer im Wasser. Wir schlängelten uns durch diesen Wald auf einen allerletzten Steg im hintersten Winkel zu, nur um gerade noch rechtzeitig zu erkennen, das von diesem kreuz und quer Metallwinkel abstanden, die wir nicht an der Bordwand haben wollten. Was nun? Bei der Einfahrt hatten wir einen Steg gesehen, der mit Halten- und Betreten-Verboten Schildern gespickt war. „Nur für Behördenfahrzeuge“. Egal, wir legten uns an dessen äußersten Rand, und waren nach 16 Stunden Fahrt endlich fest. Meine Träume von der Wärme im Salon kamen immer näher. Doch dann machte Mike den Vorschlag doch im Cockpit noch ein paar Bier zu trinken. WAS? DRAUSSEN? Ich gab mich geschlagen. Hatte ich mich bisher doch eigentlich immer für einen Naturburschen gehalten, musste ich jetzt kapitulieren. Ich rief meine Frau an und klagte ihr mein Leid. Direkt von Mann zu Mann jammern geht ja nun auch wieder nicht... Doch Mike verstand den Wink mit dem Telefon und dann, ENDLICH, saßen wir im halbwegs Warmen und ließen den Abend ausklingen. Ich gab mir viel Mühe mit den Decken und Schlafsäcken und hatte es endlich warm. Eine ganze lange Nacht lang, denn wir konnten ja erst um 0900h weiter.  Einfach paradiesisch.


Morgens erwarteten uns dann steif gefrorene Tampen und ein vereistes Deck. Jedenfalls waren nach dem Loswerfen der Leinen die kalten Füße und Hände sofort wieder da. Eher noch unangenehmer als am Vortag, denn es hatte noch einmal ordentlich abgekühlt. Der Weg von Glückstadt nach Harburg ist zwar überschaubar, aber 9-10 Stunden hieß es nun doch in der Kälte auszuharren. Trotz schlagender Fallen in der Nacht, war der Wind vollständig eingeschlafen und wir dieselten hinaus auf die Elbe, die bei diesem Wetter, mit Sonne und blauem Himmel, traumhaft anzusehen war. Unsere mit jedem Windhauch einsetztenden Segelversuche blieben jedoch erfolglos und irgendwann bargen wir die Tücher und gaben uns geschlagen.  Und so sitze ich hier nun mit meinen eiskalten Füssen in den nutzlosen Turnschuhen. Ich Memme. Ich denke an das sehr empfehlenswerte Buch „Berserk“, das ich vor einiger Zeit einmal gelesen hatte. Dessen Inhaltsangabe liest sich wie folgt:

„Mit der Berserk in die Antarktis? Genauso gut kannst du den Mount Everest in Ballettschuhen besteigen!“
Der Hafenmeister von Ushuaia zu David Mercy kurz vor dessen Abreise in die Antarktis.
Die Berserk, ein gerade mal neun Meter langes Segelboot aus Fiberglas, liegt im Hafen von Ushuaia. Ihr Zustand ist erbarmungswürdig: In der winzigen Kajüte herrscht Chaos, es gibt kein Radio, kein Rettungsfloß, der Motor stottert. Die Mannschaft besteht aus drei Männern: Der erste ist der blutjunge Skipper Jarle aus Norwegen, in der Stadt nur „der wahnsinnige Wikinger“ genannt. Der zweite im Bunde ist Manuel, ein Argentinier, der sich auf See das Rauchen abgewöhnen will. Der dritte schließlich ist der Autor selbst.
Jarle ist schon seit zwei Jahren mit der Berserk unterwegs; David und Manuel dagegen haben vom Segeln keinen blassen Schimmer. Doch die drei haben ein gemeinsames Ziel: die kälteste, unwirtlichste und entlegenste Region der Erde – sie wollen in die Antarktis.
Obwohl es sogar an Wollpullovern mangelt, machen Jarle, David und Manuel unverdrossen die Leinen los. Zum Abschied ruft man ihnen nach: „Das überlebt ihr nicht!“ Dann läuft die Berserk aus - mit Kurs auf die turmhohen Wellen der Drake Passage und das Eis der Antarktis.
Die Stimmung an Bord könnte besser nicht sein. David Mercy liefert einen Reisebericht, der vor Spannung knistert und mit einer gehörigen Portion Selbstironie Eiseskälte und Strapazen nicht nur erträglich, sondern sogar höchst vergnüglich macht.


Ich möchte noch hinzufügen, das sich Skipper Jarle an Bord nur barfuß und mit behorntem Wikingerhelm bewegt. Alles klar? Ich Memme. Als wir schließlich im Hafen von Harburg festliegen, freue ich mich sogar auf die lange beheizte Bahn- und Busfahrt nach Hause. Auf warmes Essen, Dusche und Bett. Ich träume sogar noch davon, das ich friere. Und obwohl ich völlig verschwitzt in Joggingklamotten und dicke Decken gehüllt aufwache, gibt mir erst eine weitere heiße Dusche das Gefühl, die Kälte endlich abgeschüttelt zu haben. Andererseits hatte Mike auch so einen komischen  Einteiler, von ihm liebevoll Faserpelz genannt, an. Sein Geheimnis um kalte Segeltörns zu überstehen?



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