Donnerstag, 26. November 2015

Mein krummer Weg in das Musikbusiness - Fernsehscherge in den 90ern



Ich möchte heute einmal nicht von Segeln oder Musikproduktion erzählen, sondern ein paar Jahre zurückgehen und etwas aus meinem Leben als Musiker berichten. Denn Mitte der 90er passierten zwei Dinge, die es mir ermöglichten meinen Traum irgendwann einmal nur von der Musik leben zu können, endlich zu verwirklichen. Da ich auch einige Fragen zu dem Thema erhalten habe, hier einmal die ganze Story.


Es ist Anfang der 90er, die Haare sind (noch) lang, der Verstand kurz und die Träume von der Musik groß, aber so richtig in Gang komme ich mit dem Thema noch nicht. Mehrere lokale Bands und einige Auftritte im Jahr, mehr läuft noch nicht. 

Das Flugzeugbau Studium läuft noch halbherzig als Notlösung nebenher, sollte es mit der Musik doch nichts werden. Fertig werden wollte ich trotz Jobangeboten irgendwie nicht, denn ich hatte Angst meinen Traum von der Musik zu verlieren und in einem Büro zu versauern. Und das Schicksal meinte es gut mit mir. Mein Praktikumssemester erledigte ich an einem Theater als Ton- und Lichttechniker. Überwiegend Komödien. Doch das Publikum blieb aus und Stück für Stück verschwand das Personal, da es nicht bezahlt werden konnte. Aber ich blieb. Denn das Praktikum war mir wichtiger als das Geld.Und so machte ich dann eben auch Vorhang, Platzanweiser, Kartenabreisser etc. Doch dann war das Ohnsorg Theater auf Gastspiel und die Kasse füllte sich wieder. Ich bekam den Lohn der letzten vier Monate und als Dankeschön für meine Treue die Aufgabe die Band für ein geplantes Musical in Eigenproduktion zusammenzustellen. Ein Hauptgewinn! Denn das Musical lief hervorragend und ich kam aus dem Dunkel der Technik in die Scheinwerfer der Bühne. Für insgesamt 6 Jahre in Folge.


Musicals
Fast zeitgleich passiert dann noch etwas: Ich bin mit meiner damaligen Freundin gerade in einen Hamburger Vorort gezogen, wo sie ein Fingernadelstudio eröffnet hat. Eine Kundin ist zufälligerweise die damalige Frau von Matthias Reim. Und zufälligerweise suchen sie für einen Videodreh einen langhaarigen Gitarristen (damals war ich eigentlich noch “Gitarrist”, bevor ich zum Bass gefunden habe). So kamen die beiden dann eines morgens gegen 1300h ungefragt bei uns vorbei um mich zu besichtigen. Ich war gerade aufgestanden (Musiker und Student!) und wusste nicht so recht wie mir geschah, und war für das Video engagiert. Damals konnte ich nicht einmal ansatzweise ahnen, das sich durch diesen Zufall mein Traum vom Berufsmusiker erfüllen würde und ich ein paar Jahre später über 100 Fernsehsendungen als Playbackmietscherge für diverse Künstler absolviert habe, ich in Musicals spiele und mit Matthias Reim eine Zeit lang auch live auf Riesenbühnen unterwegs bin. 
 

Videozusammenschnitt meiner diversen Fernseheinsätze  
Doch der Reihe nach: Ohne jeden Plan komme ich zum Videodreh in eine Bochumer Disko. Jeder kennt sich und ich fühle mich doch erst einmal recht verloren. Im Laufe des Tages wird der Titel gefühlte 200 Mal wiederholt und ich tue schön so, als würde ich richtig gut spielen können. Die Atmosphäre wird dann immer lockerer und nach den ersten Bieren komme ich so langsam mit meinen zukünftigen Kollegen ins Gespräch. Nach 2 Tagen ist dann der Dreh beendet und es geht wieder zurück ins “normale” Leben.

Noch mit langer Matte
Allerdings scheine ich der Promotiondame der Plattenfirma gefallen zu haben, denn nach Wochen meldet sie sich bei mir und fragt nach meiner Verfügbarkeit für einige TV-Shows an. Natürlich sage ich sofort zu, da die Gage stimmt und für uns alle Flüge und Hotels gebucht werden. Und schon ein paar Tage später sitze ich erst im Flieger, danach in einem Fernsehstudio und mime in meiner ersten Sendung wie Hitparade, Schlagerparade oder Musik liegt in der Luft. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Die Aufzeichnung an sich ist entspannt, ich kenne den Titel und 3 Minute gute Laune sind auch locker drin. Ich fühle mich absolut wohl und angekommen, Lampenfieber gibt es nicht. Warum auch? Verspielen kann man sich ja nicht und wenn ich nicht von der Bühne falle, ist die Aufgabe erfüllt. Für diese 3 Minuten Sendung ist man jedoch 3 Tage unterwegs, macht 2 Probendurchläufe und eine Generalprobe mit und verbringt Stunden im Studio bzw. dessen Kantine. 

Ich komme ja noch aus der Vor MTV/VIVA Zeit und da gab es eben nur Disco, Hitparade, Formel 1, Musikladen und das wars auch schon....soll heissen, alle Vögel, die jetzt in der Kantine oder im Studio um mich herum sitzen, kenne ich irgendwie aus dem Fernsehen. Rex Gildo, Dieter Thomas Heck, Ireen Sheer, Roberto Blanco, Jürgen Drews, Dieter Bohlen und auch immer ein paar internationale Stars stehen am Buffett an, holen sich ein Bier oder hängen irgendwo ab. Und ich mittendrin krampfhaft bemüht so zu tun, als wäre das ganz alltäglich...was es ja auch bald werden sollte. An den Abenden geht es dann stets in ein Sternerestaurant und danach an die Hotelbars der Luxushotels... Kostenübernahme immer von der Plattenfirma. Und das haben wir natürlich ausgenutzt. Wir, das waren eigentlich immer die gleichen paar Mucker mit wenigen Neuzugängen. Wir kamen perfekt miteinander aus und wurden auch im “echten” Leben Freunde und sogar Band. Ich denke diese guten Vibes und unsere ansteckende Feierlaune waren auch der Grund dafür, das wir sehr oft gebucht wurden. Sowohl Künstler als Plattenfirmenleute waren einfach gerne mit uns unterwegs. Und wenn ich mir die Videos ansehe, hatten wir es auch irgendwie drauf...es passte wohl perfekt in die Zeit. 
Nun hat ja jeder Künstler immer wieder ein neues Album oder Single mit der er unterwegs ist, doch danach ist wieder eine Zeitlang Ruhe. So wurden wir dann von anderen Künstlern und deren Firmen abgeworben und ich begann meine Rotation an diversen Instrumenten. Wenn ich gefragt wurde, ob ich Schlagzeug, Saxophon, Piano oder was auch immer spielen kann, war meine Antwort immer: Ja, aber klar, natürlich!! Das bedeutete dann immer für sich alleine ein paar Tage zu proben, um so auszusehen als könnte man es wirklich. Merkt eh kein Mensch, wenn man sich ein wenig reinhängt. Die Einstellung führte natürlich zu mehr Jobs und Einnahmen, und machte mir selten Probleme. Ausnahme: Mein erster Job als Drummer für Wolfgang Petry... ums verrecken konnte ich als Schlagzeugnovize die 16tel HiHat nicht durchhalten, ohne die Sticks zu verlieren. Am Ende kam ich dann irgendwann drauf einfach 8tel zu spielen, den Unterschied sieht man im TV eh nicht. Und kaum das ich damit klar kam, klappten dann auch die 16tel, verrückt! Eine Fussmaschine für die Bassdrum gibts eh nicht im TV, alle Becken sind tot und auf den Fellen liegen dicke Gummimatten. Wichtig ist nur gut gelaunt auszusehen und die Tom-Fills draufzuhaben, denn hier gibt es manchmal Close-Ups. 

Später gab es dann aber doch einmal zwei doofe Situationen. Einmal mit Bonnie Tyler live auf einem Mega-OpenAir. Hier war zwar die Musik auch Playback aber das Drumset war komplett auf der Lautsprecheranlage. Beim ersten Tritt auf die Bassdrum wummste es aus der PA und ich wurde blass. Bevor ich aber auch nur ein Wort zur Technik sagen konnte, ging der Titel schon los. Hört euch mal Hero und Total Eclipse von Bonnie Tyler an, da war ich aber alles andere als locker mit einem Mal.


Mein zweiter FauxPas: Am Flügel mit G.G. Anderson. Tonart Eb-dur. Ich habe aber, um es mir leichter zu machen, immer in D-Dur gemimt. Die gedämmten Fernsehklaviere geben natürlich auch nie einen Mucks von sich! Vor mir war ein russischer Wunderpianist dran, danach dann gleich wir. Und natürlich war es ein echter, lauter Flügel. Das hört zwar keiner der Zuschauer zuhause, wohl aber alle im Studio und natürlich auch der Sänger. Da habe ich mich dann aber auch irgendwie durchgeschummelt und so GETAN als würde ich die Tasten wirklich drücken. 

Man wird oft nach Erlebnissen mit den Stars gefragt, oder wie der eine oder andere denn so wäre. Dazu kann man aber immer wenig sagen. Bühnenmensch und Privatmensch sind oft unterschiedlich, aber privat dann eben doch ganz normale Menschen. Und die Kontake bleiben immer auf der Oberfläche. Das größte Problem ist eigentlich das tagelange Herumhängen und warten. Das sind so 90% der Zeit, und da ist kein noch so extremer Bühnenmensch dauerhaft durchgeknallt. Im Gegenteil: Alle hängen rum wie im Wartesaal und man ist froh, wenn man endlich dran ist. Nach der Sendung wird dann meist gefeiert, und die Kollegen der Branche trinken auch gerne einen oder auch mal einen mehr. Aber alle kennen sich seit Jahren und keiner will es sich mit dem TV verscherzen. So gesehen passiert dann nicht viel mehr als bei jeder Firmenfeier. Meist wird erfolglos gebaggert und viel gelabert, mal geht der eine mit der anderen aufs Hotelzimmer, oder irgendwer kotzt in den Fahrstuhl. Das war dann aber auch schon das Extremste. Unsere Beschäftigung um die Zeit rumzukriegen war eher das Kartenspiel “Schwimmen”... das sagt doch einiges aus! Überhaupt wurde alles schnell zu einem Job, den man möglichst professionell erledigen wollte, denn ich konnte davon wirklich einige Zeit sehr gut leben!



Surreal sind dann eher diese Situationen: Mit einem Mal sitzt man neben Rex Gildo, Dieter Thomas Heck, Karel Gott, Stefan Raab, Vicky Leandros und Roberto Blanco und zieht ihnen beim Kartenspiel die D-Mark aus der Tasche. Einzig Bohlen ist immer etwas Besseres und nie mit dabei. Und Drews immer bei irgendwelchen Mädels. Und wir sind wie immer die letzten an der Hotelbar. Zum Frühstück gibt es dann statt Bier aus Gläsern einfach Bier aus Tassen.

Mir war klar, das das nicht ewig so weitergehen konnte und so kam es dann auch nach ein paar Jahren. Andere Künstler, andere Promoter und unsere Hackfressen konnte auch niemand mehr sehen, so oft wie wir dabei waren. Das Theater, in dem wir auch im Dreierteam spielten, fing uns zunächst auf. Aber auch hier war irgendwann Schluss, weil die kleinen Theater nicht mehr gegen die großen Musicalhäuser ankamen. Ich war dann noch eine zeitlang mit Matthias Reim auf Tour, diesmal als echter Musiker am Bass. Aber irgendwann kreiste auch über ihm der Pleitegeier und die Show war vorbei und ich musste mich neu orientieren. Aber das ist eine andere Story. Ich hätte ja auch etwas anständiges lernen können..

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen