Montag, 11. April 2016

OstseeSegeln im April






22:30h. Nun ist doch noch, wie befürchtet, die völlige Dunkelheit eingetreten. Mir bleibt nur noch mein Tablet mit der Navionics Software zur Orientierung. Ich muss im Norden von Lyö um eine weit ins Meer reichende Landzunge herum, eine grüne Tonne runden und dann einem Richtfeuer in den Fährhafen folgen. Von dort sollte ich dann die Einfahrt in den Yachthafen finden. So hoffe ich jedenfalls. Bei den kleinen dänischen Häfen ist das im Dunkeln nämlich oft gar nicht so einfach. Mein starker Handstrahler liegt griffbereit. Ich leuchte ins Dunkel, dort wo ich die grüne Tonne vermute. Und richtig, ein grüner Reflexionsstreifen auf der Tonne zeigt die Position. So spart man gern die Befeuerung. Jetzt also Kurs ändern und die beiden roten Feuer in Deckung bringen. Es ist kalt und windig, und ich fühle mich blind. Vor 10 Stunden habe ich in Kiel abgelegt, Kurs Nord war klar, aber nicht wohin genau die Reise gehen sollte. Schlei, Sönderborg, Mommark waren alles Optionen. Es ist für ein paar Tage Hochdruck mit stetigem mäßigen Ostwind angesagt. Perfekte Reisebedingungen also für die schleswig-holsteinische Ostseeküste. So perfekt, das ich fast die ganze Zeit mit 5-6 Knoten und raumem Wind gen Norden düse. Absolutes Traumsegeln mit der Sonne im Gesicht. Vor Mommark entschied ich bis Lyö zu fahren. Es fehlte mir noch in meiner Hafensammlung und mit dem Restlicht nach dem Sonnenuntergang sollte ich dort eigentlich gut hineinkommen. Eigentlich. 


 
6 Meilen vor dem Ziel schläft der Wind dann aber ein und ich zuckele nur noch mit 2,5 Knoten dahin. Egal. Es ist ja nicht meine erste Nachtfahrt, und ich liebe Nachtfahrten. Allerdings ist die Ansteuerung eines sehr kleinen und unbekannten Inselhafens in Dänemark auch nicht ganz ohne. Ich ziehe mich wärmer an und bereite das Boot vor. Im Dunkeln muss alles 100% sitzen. Mit einem Mal höre ich das typische Atemgeräusch der Schweinswale. Und in der Tat. Zwei der Tiere begleiten mein Schiff. Ich gehe auf das Vorschiff und setze mich dort hin. Über eine Stunde werde ich von ihnen begleitet und sie führen mir einige Tricks vor. Besonders das Schwimmen auf dem Rücken dicht unter der Wasseroberfläche, um mir ihren weißen Bauch zu zeigen, gefällt ihnen. Es wird finster und ich verliere sie irgendwann aus den Augen. Als die Landzunge fast erreicht ist, frischt der Wind wieder auf und ich kreuze nun im Dunkeln gen Osten. Das Boot liegt ordentlich auf der Backe und ich hoffe immer noch auf etwas Restlicht. Vergebens, und dazu auch nur eine ganz schmale Sichel des Mondes am Himmel. Stockfinster. Das Richtfeuer ist nun in Deckung und ich kann auch gut den Fähranleger erkennen. Aber wo ist die Einfahrt in den Yachthafen? Ich bin schon verdammt dicht dran und das Kartenbild und meine Wahrnehmung decken sich nur teilweise, und das Kartenbild steht auf dem Kopf bei Südkurs. Noch einmal muss der Strahler ran und ich sehe nun auch Masten. Und dort, ja, zwischen der Fährmole und der Mauer scheint eine ganz schmale Durchfahrt zu sein.

 Die Einfahrt im Hellen...auch nicht viel zu erkennen!

 "Zeitmillionär" - Ein Film über Auszeit, Segeln und Musik

Langsam taste ich mich vor. Jetzt bloß nicht noch irgendwo aufbrummen. Der Wind hat auch noch einmal zugelegt, alles sehr ungemütlich. Dann bin ich drin und suche mir im Dunkeln einen Platz aus. Auf dem Tablet sieht der Hafen viel größer aus, ich bin schon fast am flachen Ende des Hafens. Egal, einfach in eine Box reingedreht und die Achterleinen über die gammeligen Pfähle. Der achterliche Wind bläst mich langsam vorwärts an den Steg.  Endlich fest. Safe and sound. Das war mal wieder abenteuerlich schön. Es ist arschkalt, ich krieche in die klammen Decken und warte auf den wärmenden Schlaf. 




Morgens kann ich mir dann endlich den Hafen ansehen. Verrückt, was die Dunkelheit macht. Es kam mir doch alles ganz anders vor. Und auch die lange und flache Landzunge samt grüner Tonne ist nun gut sichtbar. Aber im Hellen kann ja jeder. Der Hafenmeister kommt zum Sabbeln, dann der Bootsnachbar. In Skandinavien ist man immer gleich am Klönen. In Kiel Wendtorf, meinem Sommerliegeplatz, habe ich außer einem knappen "Moin" noch kein Wort mit jemandem gewechselt. Seltsam. Ich schaue mir die winzige Insel an. 135 Menschen leben hier. Jeder geht zu Fuß oder fährt Fahrrad, ab und zu zuckelt ein Trecker vorbei. Langsamkeit und Ruhe breiten sich aus. Wie lang sich hier wohl ein Winter dehnt? Mir wäre das jedenfalls zu eintönig. 



Leinen los, ich will weiter westwärts in die Dyvig. Unspektakulär und vor dem Wind rausche ich ums nördliche Als hinein in den Fjord und dann in die Dyvik. Im Sommer immer überlaufen, bin ich der einzige Gastlieger und genieße den Frühling und die Natur. Mir ist langweilig und ich bin vollkommen antriebslos. Das passiert mir immer am Anfang von einem längeren Törn plus stressige Tage davor zu Hause. Da muss ich dann durchhalten, bis ich die Ruhe endlich genießen kann. Aber genau dafür fahre ich ja weg. Auftanken und Kraft sammeln. Und zu lernen, ohne Ablenkung nur mit mir zu leben. Der Hafenmeister kommt. Schön. Nach 30 Minuten Palaver geht es mir schon gleich viel besser. Der Blick aus den Kajütfenstern ist gigantisch.  Ich freue mich auf morgen. 






Mann, ist das kalt. Der eiskalte Ostwind macht die Nacht an Bord sehr ungemütlich. Nächte mit Bodenfrost sind eher etwas für hauptberufliche Survivalexperten. Ich bin jedenfalls immer froh, wenn die Nächte vorbei sind. Eine ganze Kanne Tee lang dauert es dann, bis ich mich wieder aufgewärmt habe. Aber es erwartet mich ein wundervoller und sonniger Morgen. Ich will schnell los. Käpt‘n Dietzel warnt vor Böen der Stärke 7 im Laufe des Tages. Vor dem Wind geht es durch die immer wieder spektakuläre Enge vor der Dyvig. Mit mir geht ein Kajak hindurch, der ist sicher doppelt so schnell unterwegs und ich fahre schon gute 4 Knoten. In Ruhe bereite ich das zweite Reff vor, denn ich weiß was mich nach der Ausfahrt erwartet. Und so bekomme ich, wie übrigens immer im Alsfjord, Ost 5-6 direkt auf die Nase. Aber es kreuzt sich heute ganz hervorragend und nach ein paar Schlägen bin ich schon im engen Alssund und trödele mit halbem Wind Richtung Brücke. Links und rechts sind die Bauern bei der Arbeit und das waldige Ufer wirkt absolut idyllisch. Ab und an kommen schon ein paar schwere Böen über die Bäume und ich bin froh über dieses geschützte Gewässer. Am Ende muss ich dann doch noch kreuzen und bin 3 vor halb vor der Sönderborg Klappbrücke. Oben steht der Brückenmensch und winkt fragend, ich winke positiv zurück. Körpersparche. Schön, so klappt es auch ohne Gefunke. Motor an, Segel runter und drei Minuten später geht es durch die Brücke hindurch und an die Kaimauer des Stadthafens. Ich mag Sönderborg, sehr sogar! Kein Boot hier. Einzig ein Ausbildungsboot des DHH kommt vorbei und führt mir vor, wie man mit 7 Leuten an Bord anlegt. Klappt aber sogar ganz gut! Und ich habe ein neues Manöver abgeguckt. Doch dann zieht auch dieses Boot von dannen. Geschützt durch die Häuser liege ich mitten in der Sonne. Ab und an faucht aber auch schon hier der Wind hindurch und ich stelle mir vor, wie ungemütlich es jetzt auf der Ostsee aussieht. Ich bleibe jedenfalls bis morgen Mittag hier liegen, denn dann soll es wieder etwas abflauen. Es steht ja noch der lange Rückweg nach Kiel an.Und die beiden Delphine in der Förde will ich auch noch sehen.






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