Montag, 5. Januar 2015

Blues vs. Bro-Country


Ich fühle ja meistens mehr mit den Minderheiten als mit der Masse. So hat mich die Entstehungsgeschichte des Blues auf den Baumwollplantagen der Südstaaten und der Weg dieser Musik den Mississippi aufwärts bis zur Metropole Memphis echt beeindruckt. Das Leid, die Unterdrückung, die Monotonie der Arbeit; all das hört und fühlt man in dieser Musik. Vor allem dann, wenn man sich die Originalschauplätze ansieht; die Menschen und die endlosen Meilen öden Landes. Ich war eigentlich nie ein großer Bluesfan und werde es wohl auch nicht mehr werden, dafür ist mir die Musik (meistens)  zu begrenzt und die Songs sind im klassischen 12 Takt Schema einfach zu ähnlich. Hier vor Ort kommt das aber irgendwie anders und ohne den Blues gäbe es keinen Rock'n'Roll (im größeren Sinne).

 
Gerade in Memphis, diesem Schmelztiegel der Kulturen des 20.ten Jahrhunderts, bohrt sich einem die Vielfalt und die Mischung diverser Musikstile mitten in die Ohren. Blues, Gospel, Soul, Country, Hillbilly alles vermischt sich und ist doch gleichzeitig präsent! Wahnsinn. Dazu das Lebensgefühl vor Ort; multikutli in Perfektion!


Wie extrem diese Mischung war, und sich auch mein Hören darauf eingestellt hat, fiel mir erst auf, als wir eine inoffizielle Grenze in Tennesee überfuhren. Das flache, sumpfige Land ging in Hügellandschaften über. Hier gab es früher keine Baumwolle oder Plantagen. Hier lebten und leben die Hillbillys und damit die klassische Countrymusik und der Bluegrass. Frei von Blues und Soul und immer brav in Dur, fällt es mir nun recht schwer diese Musik zu hören. Na gut, Hillbilly war eh nie mein Ding. Aber auch der New Country in Nashville hat es plötzlich schwer in mein Herz zu gelangen. Die Farm von Loretta Lynn machte es nicht besser. Ich fühlte mich hier plötzlich wie in einem abgelegenen Alpendorf, nachdem ich vorher in der Großstadt war. Und höre hier plötzlich Ländler statt HipHop, um mal einen deutschen Vergleich zu finden.

Waren wir in Lousiana, Alabama und Mississippi häufig in Restaurants, Hotels und Tankstellen eher die hellhäutige Ausnahme, hat sich das Bild hier in den "Alpen" komplett gewandelt. Ich finde dieses ganze Schwarz-Weiss Denken sowieso vollkommen unerträglich und bin froh darüber, das wir in Deutschland (zumindestens und gerade in den Großstädten) doch schon so viel weiter sind, was das Miteinander angeht. In den USA bleiben die Bevölkerungsgruppen leider extrem unter sich. Doch gerade dort wo die Vermischungen stattfinden, entstehen ja meistens die heißesten neue Dinge.


Als gutes Beispiel dafür sehe ich das STAX Label, den Trendsetter für die Soulmusik der 60er und 70er Jahre in Memphis. Bereits zu diesem sehr frühen Zeitpunkt war die Herkunft der Musiker in diesem Label vollkommen egal und vermengte sich einfach selbstverständlich. Der Gründer bezeichnete seine Firma als "completely integrated", und das in den 60er Jahren! Ein schönes Beispiel wie sehr die Musik die Menschen vollkommen vorurteilsfrei zusammenbringt. Was zählt, ist schlicht das Ergebnis und wohl auch der Erfolg. Und die auf diesem Label erschienene Musik spricht auch absolut für sich. Siehe Link: STAX Label


Die Themen "Friday Night, Beer, Tight Jeans, Pickup Truck"des aktuellen Bro-Country  nerven mich hier nun leider bereits nach dem dritten Song, wie in diesem Video sehr schön beschrieben :-) Und klassischen Country, Rockabilly o.ä. sucht man hier vergebens.....




Kommentare:

  1. Top Deine Geschichte .... auch wenn in den Alpen schon langsam sowas wie Erweiterung der Stile stattfindet :-) Ich sag nur Allgäu-Reggea und Alpen-Blues. Sind aber Randerscheinungen ...
    Musik ist Leidenschaft ... das kam in Deinem Post klasse rüber.
    Beste Grüße

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  2. Hi, die Erweiterungen und Vermischungen der volkstümlichen Stile finde ich natürlich meistens toll, oder zumindestens anhörenswert. Beispiel ist die Band kellerkommando, die ich sehr gerne mag und die live tierisch abgeht. In meinem Post habe ich daher auch extra "Ländler" geschrieben um niemanden auf die Füße zu treten. Oder evtl. auch Hausmusik, den Ausdruck habe ich dort auch einmal gehört..

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