Montag, 20. Oktober 2014

Ein letztes Anlegemanöver




Ein schöner Empfang am Steg. Der Diesel wird ausgeschaltet und Begrüßungen ausgetauscht. Man hat so viel zu erzählen, das man erst einmal gar nichts sagen kann. Nach 160 Tagen unterwegs bin ich nun wieder am Abfahrtsort angekommen. Für mich eine kleine Ewigkeit, den mich Empfangenden kam es höchstens halb so lange vor. Relative Zeitwahrnehmung. Wie fühlt man nun, wenn das große Abenteuer, welches zum Zentrum des Lebens geworden war, zu Ende geht? Zunächst einmal gar nicht. Die vielen Menschen fordern meine ganze Aufmerksamkeit und fangen mich gleichermassen auf, war ich doch nach den vielen Wochen eher die Einsamkeit gewöhnt. Es ist schön alle wieder zu sehen und zuhause zu sein. Der erste böse Moment kam, nachdem sich alle verabschiedet hatten und ich wieder alleine auf dem Boot war, um am nächsten Tage ins Winterlager aufzubrechen. Halbherzig fange ich an ein paar Sachen zusammenzuräumen, komme aber nicht wirklich in Gang. In der eigentlich gewohnten Einsamkeit fühle ich nun wirklich das Ende dieser Reise. Es ist kalt, grau und nass, und somit eigentlich ideal um sich auf das heimische Sofa zu wünschen, aber etwas nagt an mir. Ich kann und will es an diesem Abend nicht weiter ergrübeln und gehe früh ins Bett, um Ruhe im Kopf zu haben. 


Nach kurzer Kanalfahrt folgt nun das Leerräumen des Bootes, Legen das Mastes, Einwintern des Diesels, die üblichen Vorwinterarbeiten eben. Und dann ist das Boot ruckzuck aus dem Wasser und aufgebockt. Alle Schönheit ist damit irgendwie vergangen. Das Boot sah ausgerüstet nach langer Sommerreise und Urlaub aus, nun bleibt nur noch eine schmutzige Hülle ohne Mast und Segel. Das schmerzt. Daneben liegt ein bunter Stapel aus Wäsche, Büchern, Konserven, Leinen, Schwimmwesten  etc. Die komplette Ausstattung  für mein Leben der letzten sechs Monate, nun aufgetürmt wie ein Haufen Sperrmüll.  Böse Augenblicke. Aber auch Momente in denen mir klar wird, das das Reisen ein Teil meines Lebens ist und war, und das es hier  kein Ende, sondern nur eine Pause sein kann. Ich bespreche dann noch ein paar Winterarbeiten mit einem Bootsbauer und sehe dabei schon das nächste Jahr vor Augen. So geht es schon wesentlich besser. Bei der Rückkehr in unsere Wohnung fühlt es sich an als wäre ich mit dem ganzen Gerödel erst gestern aufgebrochen. Nun schleppe ich alles wieder nach oben, suche Plätze und verstaue all die Dinge die hier wertlos sind wie Echolot, Fernglas oder GPS. 


Es wartet ein Riesenstapel Post auf mich. Finanzamt, Künstlersozialkasse, Bank, der ganze "alltägliche" Kram der für sechs Monate nicht zu meinen Tagen gehörte, fordert nun alleine durch die Menge noch mehr Aufmerksamkeit. Ich war mir ja nicht sicher, ob die Idee zwei Tage nach der "Rückkehr" direkt wieder 3 Wochen in unsere Türkeiwohnung aufzubrechen eine Gute war, und ich mir damit eventuell das Einleben noch weiter erschwere. Doch jetzt an der frischen Luft mit dem tiefblauen Meer vor Augen und jeder Menge Wind fühle ich mich hier gerade sehr gut aufgehoben. Irgendwie gleichermassen unterwegs wie angekommen. Meine Frau ist bei mir, wir haben uns natürlich jede Menge zu erzählen nach der langen Zeit, und geniessen das Zusammensein. Ich kann nun auch Loslassen und mich auf die Zukunft und die vielen neuen Pläne konzentrieren. 



Die nächsten Tage werden wir es noch sehr ruhig angehen; nach Merihs Abreise beginne ich dann mit der Arbeit an MultiMedia-Show und DVD und werde mich dabei durch Berge von Fotos und Videos, sowie den damit verbundenen, langsam bereits verblassenden, Erinnerungen wühlen. Die 100 Häfen und Buchten, die Sommertage und Nächte, die Sonnenaufgänge, die Tage auf und mit dem Wasser. 


Darauf freue ich mich wirklich sehr, werde ich doch so die Reise in Gedanken noch einmal erleben.

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